Predigt vom 09.05.21

Predigttext: Daniel 9, 4-5.16-19

Ich betete aber zu dem Herrn, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und heiliger Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. Ach Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heili-gen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. Und nun, un-ser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Antlitz über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzig-keit. Ach Herr, höre! Ach Herr, sei gnädig! Ach Herr, merk auf! Tu es und säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt..

Liebe Gemeinde,

wie sprechen wir Gott eigentlich an, wenn wir zu ihm be-ten? Welche Namen hat Gott? Im Alltag sprechen wir ja manchmal vom lieben Gott, aber sprechen wir ihn so auch im Gebet an: lieber Gott? Wie hat der Prophet Daniel, von dem wir eben im Predigttext hörten, Gott angesprochen? Er liegt mit den anderen Betenden als Zeichen seiner Ehrerbietung vor Gott und sagt zu Gott: Herr, du großer und heiliger Gott. Daniel sagt Gott, wer Er ist. Groß, heilig, Herr.

Und dann betet Daniel weiter und sagt Gott, wer er, Daniel ist, und zu welchem Volk er gehört. Daniel gehört zum Volk Israel, das eigentlich sicher und zufrieden in Israel wohnen sollte. Mit der Hauptstadt Jerusalem als Zentrum und dem Tempel als heiligem Ort, um Gott als groß, heilig und Herrn anzubeten. 

Aber dann kam alles anders. Der König Nebukadnezar brach über sie herein, zerstörte das, was ihr Alltagsleben ausmachte und verschleppte sie nach Babylon. Dort lebten sie jetzt in der Fremde und beweinten an den Ufern Babylons ihr Leben. 

Im Rückblick sehen sie, dass sie selbst die Zerstörung ihres Landes, ihres Wohlstandes, ihrer Sicherheiten verschuldet hatten. Daniel fasst es im Schuldbekenntnis in Worte: „wir haben gesündigt und Unrecht getan. Wir sind gottlos ge-wesen und abtrünnig geworden. Wir sind von Gottes Ge-boten und Rechten abgewichen.“ 

Daniel nimmt damit die Verantwortung für das Leben in der Krise auf sich und bekennt: das ist die Konsequenz aus unserem Fehlverhalten. Wir selbst haben uns in dieses Un-glück gebracht. Wie kam es dazu? Als das Volk Gottes waren sie auserwählt, mit Gott zu leben. Herrlich hatte Gott sie geführt und ein Leben im Frieden und Wohlstand ermöglicht. Aber dann brachen sie den Bund mit Gott und landeten im Elend, weil sie nicht umkehrten.

Daniel begehrt in dieser jämmerlichen Situation nicht ge-gen Gott auf. Er verflucht Gott nicht und macht ihn auch nicht verantwortlich für das, was eindeutig menschliches Versagen und Gottlosigkeit war. Daniel gibt vielmehr Gott recht und bekennt vor ihm: Gott, dass wir in diese Misere gekommen sind und nun darin leben, das haben wir zu ver-antworten, denn wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen.

Sind wir nicht in einer ähnlichen Situation wie Daniel und das Volk Israel? Vor über einem Jahr ist die Corona-Pan-demie über uns hereingebrochen. Keiner ahnte zu Beginn, wie sehr sich dadurch unser Leben verändern würde, wie-viel Fremdes sich im Alltag einbürgern würde, was alles zerstört werden würde, wieviel Menschen weinen würden.

Wie kam es zu dazu?

Da gab es Menschen in unserem Land und weltweit, die zurückblickten und analysierten, warum das alles so kom-men musste. „Die Natur wehrt sich“, fanden sie heraus. Sie benannten z.B. den Raubbau an den Urwäldern, den rück-sichtlosen, rein wirtschaftsorientierten Eingriff auf Land-schaften, Flussläufe und das Klima. All das hat zur Folge, dass die Artenvielfalt zurückgeht, es gefährliche Krank-heitserreger gibt. Und es gab Appelle, dass man sich für den Klimaschutz einsetzt, weniger oder kein Fleisch mehr isst, dass man E-Autos statt Benziner oder Diesel fahren soll, schneller aus dem Kohleabbau aussteigen soll, usw.

Diese Menschen sind kluge Menschen und erkennen viel. Und doch schauen diese Menschen zur Ursachenforschung nur auf die geschundene Natur als Größe, die uns in diese katastrophale Pandemie-Lage gebracht hat. 

Und um einen Weg aus der Krise zu finden, schauen sie nur auf sich. „Wir schaffen das!“ Mit diesem Motto gehen viele mutig vornedraus und appellieren an ein Verhalten der Nachhaltigkeit (grüner, fairer, digitaler), um der Krise gegenzusteuern und wieder herauszukommen.

Es ist gut, dass wir solche klugen Menschen haben. Und doch erkennen und benennen sie nur innerweltliche Zu-sammenhänge und Lösungen. So aber steht man in der Ge-fahr, an sich selbst und am Mitmensch zu verzweifeln, weil man oft das Gute, das man will, nicht tut, sondern den bequemen Weg geht. Und die Augen zumacht vor den of-fensichtlichen Konsequenzen (Digitalisierung bringt Um-weltprobleme mit sich; E-Autos ruinieren Lebensgrund-lagen/Bolievien; Windräder werden problematischen Son-dermüll hinterlassen, etc) , und nach dem egoistischen Motto lebt: nach mir die Sintflut.

Lernen wir von Daniel, was er in der Katastrophe erkannte und welchen Weg aus der Krise er von Gott erbat. Und was sein Volk erlebte!

Der Prophet Daniel betet zu Gott. Er wendet sich im Gebet an Gott und sieht auf ihn, den Herrn, den großen und heili-gen Gott. Und erkennt dabei sich und sein Elend -und auch die Not seines Volks- aus Gottes Perspektive. Und be-kennt: Unser Untergang geschah darum, weil wir gottlos waren und gesündigt haben. Gott gab uns seine Gebote und sagte uns, was recht ist. Und als wir seine Gebote links lie-gen und selber bestimmten, was recht ist, da sandte Gott Propheten, die die Gottvergessenheit anprangerten und zur Umkehr aufriefen. Gott versprach: durch Umkehr würde euch geholfen! Aber wir wollten nicht zu Gott dem Herrn umkehren, zu seinen heiligen Geboten und seinem Recht. Und dann kam unser Untergang, weil wir unser Leben und unsere Kraft für das Falsche einsetzten.

Daniel liegt mit diesem Schuldbekenntnis vor Gott und sagt zu ihm: Herr, wir setzen nicht auf unsere Gerechtig-keit. Denn unsere Selbstgerechtigkeit hat uns als Volk ins Elend gebracht. Deine Gebote jedoch sind Leben und Dein Recht gibt Schutz und Geborgenheit. Aber wir sind ab-trünnig geworden. 

Und dann wagt Daniel es, Gott zu bitten, dass er Gnade vor Recht gehen lässt und ihm und seinem Volk barmher-zig ist. Daniel will, dass Gott die Beziehung nicht beendet, sondern dass sie weitergeht. Er fleht Gott an: „Neige deine Ohren, mein Gott, und höre. Tu deine Augen auf und sieh uns an, die wir nach deinem Namen genannt sind.“ 

Wir merken, dass Daniel Gott keine Versprechen macht, was er und sein Volk alles besser machen will. Vielmehr bittet Daniel Gott, dass Er sein erbarmendes Herz ganz in die Waagschale legt und Eralles heil macht und einen Neuanfang schenkt. 

Daniel traut dem großen Gott und Herrn alles zu. Auch, dass Gott seinen gerechten Zorn auf alle menschliche Gott-losigkeit und Selbstsucht überwindet und gnädig ist. Dass Er die Finsternis durchbricht und sein Angesicht leuchten lässt über die Trümmer. Als Zeichen der Hoffnung, der Vergebung, des Neuanfangs mit Gott, und einem Leben nach seinen Geboten und seinem Recht.

Nun leben wir heute in einer anderen Zeit als der Prophet

Daniel und gehören nicht zum Volk Israel. Nur das teilen wir mit Daniel und dem Volk Israel, dass auch wir in einer Krise leben und auf die eine oder andere Weise in Not sind. 

Aber teilen wir nicht doch noch viel mehr? Jesus kam in diese Welt, damit der Bund Gottes nicht nur dem Volk Is-rael gilt, sondern alle Menschen in diesen Bund mit Gott hineinkommen können. Am Kreuz hat Jesus sich Gottes Zorn ausgesetzt. Mit seiner Auferstehung wurde offenbar, dass er uns neues Leben schenken kann, das wir aus seiner Kraft leben können. Bei der Taufe wurden wir nach seinem Namen genannt und sind an seine Gebote und Rechte ge-bunden. Wie Daniel dürfen auch wir zu Gott beten, zu dem Herrn, der groß und heilig ist, und ihn bitten: Herr, höre uns, sei uns gnädig. Richte uns nicht nach unserer Gerech-tigkeit, denn unsere Gerechtigkeit ist wie ein beschmutztes Kleid. Wie oft haben wir Dich vergessen und uns selbst gelebt. Persönlich und als Volk über die Maßen gelebt. Vergib uns und sei uns um Jesu willen barmherzig. Hilf uns durch dein Dasein und Deine Kraft, Dein Leiten und Heilen.

In solch einem Gebet zu Gott mit dem Bekenntnis unserer Schuld und der Bitte um Gottes Hilfe liegt eine große Kraft. Wer sich an Gott wendet, der überfordert sich nicht. Er überschätzt sich und seine Möglichkeiten nicht. Solch ein Beter setzt sich nicht unter Druck, sein Leben oder die Welt aus eigener Kraft retten zu müssen. Er sieht auf Gott und sagt: Gott, in all dieser Not stehe ich Dir zur Verfü-gung. Sei mir und uns gegenüber barmherzig und gib uns Kraft, aus den Trümmern Neues zu bauen, das Dir und die-nem Namen Ehre macht. 

Das Volk Israel erlebte damals das gnädige Handeln Got-tes, der auf ein Schuldbekenntnis hört und die Bitte um ei-nen Neuanfang erhört. Sie durften wieder nach Israel zu-rückkehren und aus Trümmern den Tempel und ihre Häu-ser aufbauen. Es war schwierig, kostete Kraft, brauchte den Zusammenhalt, dauerte lange Jahre. Und doch haben sie es erlebt, dass der liebe Gott ihnen neues Leben ermöglichte.

Weil der Gott Israels unser Gott ist, können wir hoffen und zu ihm beten. Dass er uns unsere Schuld vergibt und hilft, die Krise der Corona-Pandemie zu überwinden. Dass es schwierig sein wird und unsere Kraft kostet, dass es den Zusammenhalt braucht und lange Jahre dauert, das soll uns nicht die Hoffnung nehmen, dass der liebende Gott auch uns das Leben ermöglicht und wir seinem Namen Ehre machen. Amen,

133, 1+8-10: Zieh ein zu deinen Toren