Lengenlocher Kirchle

Kirchle in Lengenloch

Jeden1. Sonntag im Monat und an den zweiten Feiertagen findet der Gottesdienst der Kirchengemeinde Altensteigdorf-Überberg  in Lengenloch statt. Der Gottesdienst beginnt in der Regel um 9.15 Uhr.

Mesnerin ist Frau Susanne Lutz, Zumweiler Str. 12, Tel.07453/ 2295

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Das Lengenlocher Kirchlein - von Karl Hald

Das Lengenlocher Kirchlein

Auszug aus dem Buch von Karl Hald von 1927

Die alten Birnbäume an der Straße sind verblüht. Frühsommerliche warme Luft weht über die duftenden Wiesen. Der Wald steht verträumt, überm Tal ganz blau. In der Ferne verschwindet er fast im feinen Dunst. Leichte, weiße Wölkchen segeln über die Wälder und Berge. Ganz drüben schimmert noch eine feine Linie über den Tannen. Sind´s Wolken, sind´s Berge? Es ist die Alb, die zu uns herübergrüßt. Kinder kommen die Straße herauf mit fliegenden Haaren und glühenden Wangen, mächtige Trollblumensträuße in den Händen. Da und dort geht ein Mütterlein, schwarz gekleidet, das Gesangbuch in der Hand. Langsam geht’s voran, Schritt für Schritt. Auch die jungen Frauen, die vereinzelt hintendrein kommen, eilen nicht. Die Luft macht so müd, und der Herr Pfarrer ist noch nicht zu sehen. Es ist Himmelfahrtsfest und in diesem Jahr zum ersten Mal Gottesdienst im Lengenlocher Kirchlein. ´s wird ihn heute auch Schweiß kosten, den Stadtpfarrer von Berneck. Der Weg den Tann herauf ist steil und steinig. Da kommt der geistliche Herr auch schon, vom Kirchhof her, den Hut in der Hand. Er trocknet sich den Schweiß von der Stirne. Ehrerbietig grüßen die Frauen. In kleineren Gruppen wandern die Kirchleut durch den Brandwald. Draußen vor dem Wald zweigt ein Weg rechts durch die Wiesen ab. Er führt zum Kirchlein und ist uralt. Aus den Obstbäumen heraus grüßt der Kirchturm. Der Pfarrer zieht im Schreiten sein Taschentuch heraus und schwenkt es über dem Kopf hin und her. Da klingt auch schon das Glöcklein und gibt das Zeichen. Weithin schallt es in die sonntägliche Ruhe und über das Tal. Dann schweigt es wieder. Vor dem Kirchlein stehen Frauen und Kinder und plaudern, bis der Pfarrer kommt. Dann läuten die beiden Glocken zusammen. Der Pfarrer gibt dem Kirchenpfleger das Lied und geht ins Nachbarhaus, zum Märtesbauer. Eine alte, überdachte Staffel geht er hinauf, er holt seinen Chorrock. 

Derweilen sind die Kirchenleut ins Gotteshaus hineingegangen. Vor der Kirchentür steht ein Stühlchen, darauf eine kleines Körbchen oder ein Teller als Opferbüchse. 1751 lesen wir in dem Steinbalken über der Türe. Ein feiner Moderduft kommt uns entgegen. Wir schreiten durch den Turm und einen Spitzbogen in die Kirche. Links im Turm geht eine steile Stiege hinauf zur Empore, dem Platz der Männer. Der Boden ist mit Steinplatten belegt. Sie schimmern grün wie der mächtige Altarstein. Rechts und links stehen roh gezimmerte Kirchenbänke. Die Sitzbretter sind schmal, die Rückenlehnen rohe Balken. Dem Eingang gegenüber hängt die Kanzel an der Wand. Ein leises Bangen lässt einen nicht los, bis der Pfarrer die steile Stiege wieder hinabgegangen ist. Unten links steht ein Gitterstuhl in der Ecke. Es ist die eingebaute Sakristei. Die Liednummer steht mit Kreide an ein schwarzes Täfelchen angeschrieben unten an der Kanzel. Aber was ist denn die Orgel?

Jetzt ertönt sie zart und fein, verwoben in den Wiesenduft, der mit einem bunten Falter zu den offenen Fenstern hereinstreicht. Droben auf der Empore steht in der Ecke ein kleiner Kasten. Er birgt ein Harmonium. Viermal im Jahr wird’s aus seinem Kasten genommen und hinübergetragen auf den Brüstungsbalken. Es ist etwas breiter als der Balken; ein paar Nägel stützen es. Es ist fast wie aus einer Puppenstube. Aber so fein und lieblich klingts, und der Wind trägt die zarten Töne hinaus auf die Wiesen, bis zum nahen Wald.

Ein grobes Kruzifix ist an der Empore angebracht. Die andächtige Gemeinde siehts eigentlich nicht. Aber zum Prediger auf seiner schwebenden Kanzel schaut es ernst hinüber. Auch die Bretter der flachen Decke sind grün überlaufen. An der Südwand hängt ein gerahmtes Bild von dem Auferstandenen und darüber das Wappen der Herren von Gültlingen mit der Jahreszahl 1751. Ein schlichtes schwarzes Tuch deckt den Altar. Goldener Sonnenduft huscht über die kahlen getünchten Wände, so traulich, dass es einem wohl wird, auch wenn das Kreuz auf den ungewohnten Bänken ein wenig schmerzt. Es war eben ein härteres Geschlecht, das dies Kirchlein baute. Und die Geschichte des Kirchleins zeigt so recht dieses verarmte zähe Geschlecht, dass ich mir nicht versagen kann, sie hier zu erzählen. Seit alten Zeiten stand in Lengenloch eine Kapelle am uralten Kirchweg von Fünfbronn-Beuren nach Altensteig-Dorf. Sie lud wohl schon vor Luthers Zeiten den Wanderer, der durch die großen Wälder kam und zum Gottesdienst ins Dorf wollte, zu kurzer Rast und Sammlung ein. Denn es heißt im Jahr 1748, dass die Kirche zu Lengenloch, „vor vielen Jahrhunderten erbaut, dermaßen baufällig sei, das nicht nur der Turm, sondern auch das ganze obere Gebäude alle Augenblicke über den Haufen zu fallen drohet, so dass demselben durch kein Flicken und  Unterstützen in der Länge mehr zu helfen ist.“

Es waren auch schlimme Zeiten gewesen und die Gemeinde völlig verarmt. Der dreißigjährige Krieg hatte Überberg furchtbar getroffen. Die offenen Weiler waren völlig schutzlos. Auch Lengenloch wurde von den wilden Horden gefunden und ausgeplündert. Wieviel Höfe angezündet und völlig verwüstet waren, lässt sich nicht sagen. In dem Kirchlein war nicht viel zu holen, so blieb es unversehrt. Wir können uns den Jammer und das Elend damals nicht vorstellen. Nach dem schrecklichen Krieg kamen die Franzosen fast in jedem Jahrzehnt von 1678 – 1733. Quartierlasten, Abgaben, Plünderungen jagten einander. Wir glauben der Urkunde, die besagt, „dass zur Wiederherstellung der Kirche in Lengenloch kein Fundus vorhanden sei, der Heilige wenig abwerfe, auch wegen der bergigen und unbequemen Lage des Ortes alle Baumaterialien mit vieler Beschwerlichkeit uns sehr großen Unkosten angeschafft und von Weite, herzugeführt werden müßten.“ „Überdies“, heißt es weiter, „ist die Bürgerschaft, die sich ohnedem in hiesiger rauer Gegend sehr kümmerlich und armselig nähren und fortbringen muss, teils durch Kriegs-, teils durch andere Troublen und Fatalitanten in sogar sehr bedürftige und mitleidenswürdige Umstände versetzt worden, dass sie außer den Frondiensten nichts Bares constribuieren kann.“

Aber ihr Kirchlein wollten sich die Lengenlocher nicht nehmen lassen. Auch heute noch halten sie an ihrem alten Recht fest: Als der Bernecker Stadtpfarrer vor einigen Jahren anregte, ob es nicht möglich wäre, die vier Gottesdienste abzuschaffen, da die Überberger ja eigentlich ihre Kirche und ihren Pfarrer im Dorf haben, stieß er sofort auf starken Widerstand 

Im Jahr 1748 fasste nun ein Überberger Bürger, Christian Welker, den Entschluss, zur Wiederherstellung der Lengenlocher Kirche milde Gaben in Deutschland, dem Elsaß und der Schweiz zu sammeln. Das war leichter gedacht, als getan, und für die damalige Zeit gewiss ein kühnes Wagnis. 

Überberg gehörte zur reichsunmittelbaren Herrschaft Berneck der Herren von Gültlingen. Christian Welker ließ sich also von seiner Gutsherrschaft, „Leopold Joseph Antonius Freiherr von Gültlingen, Herr zu Berneck, des Herzogtums Württemberg Erbkämmerer“, ein Einsammlungspatent ausstellen. In diesem Schriftstück sind die oben beschriebenen Zustände geschildert. Dann folgt eine Beschreibung des Christian Welker, der „untersetzter, kleiner Statur, schwarzer, etwas krauser Haare, braunen und breiten Angesichts seines Alters 33 Jahr“ sei, „ an der linken Hand am Daumen das Vorderglied verloren habe und zur Einsammlung einer christmilden und zur Beförderung der göttlichen Ehre gewidmeten Beisteuer ausgeschickt werde. Alle und jede Herrschaften und Obrigkeiten, auch Beamte und Bediente werden geziemend ersucht und gebeten, daß sie geruhen und belieben möchten, vermeldeten Sammler Christian Welker aller Orten ihres Gebiets frei, sicher und ungehindert passieren und repassieren zu lassen, auch denselben in seinem geziemenden Gesuch respektive Gnädigst, Gnädig, Großgünstig und Gütig behilflich und beförderlich zu sein, was Gott mit allerlei geistlichem und leiblichem Segen vergelten soll. Berneck, 12. März 1748“.

Mit diesem noch mehrfach empfohlenen und bestätigten Schreiben in der Tasche, machte sich der Überberger Bürger auf die Wanderschaft. Was er erhielt, trug er pünktlich in ein Büchlein, so groß wie eine „Kinderlehre“ ein. Er kam bis Zürich, Basel, Straßburg und Hamburg. Wie oft mag er sein Einsammlungspatent gezeigt haben auf diesem langen Weg! Und sicher gab es manches Abenteuer zu bestehen. In Hamburg soll er dreimal gesammelt haben. Offenbar fand er dort mitleidige Herzen für deine bewegliche Klagen und besonders geberfreudige Hände. Das dritte Mal soll er aber erkannt und des Landes verweisen worden sein. Er war eben nicht der einzige Sammler! 

Nach nahezu dreijähriger Wanderschaft kam er wieder heim. Die Abrechnung am 19. April 1751 in Berneck ergab 1399 Gulden 16 Kreuzer. Davon erhielt er vertragsgemäß ein Drittel mit 466 Gulden 25 Kreuzer als Lohn. Er hat sich davon in Heselbronn ein Haus gebaut. Das Büchlein mit seinen Einträgen wurde später gefunden, als das Haus des Decker Rapp in den Wiesen zwischen Schulhaus und Hirsch verkauft und abgebrochen wurde. Es ist anzunehmen, daß dies Haus das von Christian Welker erbaute ist. Es steht jetzt als mächtige Scheuer im Hofe des Gemeinde Pflegers Rentschler.

Für das Kirchlein war jetzt ein Fundus da; es wurde in seiner jetzigen Gestalt erbaut. Aus der alten Kapelle stammt der spitzbogige Eingang, der von dem Turm in die Kirche führt.

  

Zwei Glocken hängen im Turm, eine größere, ältere ohne Inschrift und eine kleinere, mit der Inschrift: Gegossen von Heinrich Kurtz, Stuttgart, 1906. Gestiftet von den Bürgern zu Lengenloch.“ An ihrer Stelle hing eine ältere mit der Inschrift: Gegossen in Reutlingen von Franz Kurtz, 1828. Sie ist zersprungen und durch die neue ersetzt worden. Auch eine Uhr mit Stundenschlagwerk ist auf dem Turm. Drohend hängen ihre Gewichte neben den Glockenseilen über dem Eingang.

Wenn es abends „Uff am Märga läutet“, freuen sich die Lengenlocher über ihre Kirche, wenn auch keiner an den wackeren Christian Welker denkt, dem sie ihr Kirchlein verdanken. Sie lachen, wenn sie von den Städtler aufgezogen werden wegen ihres Kirchleins, das sie an einen Zwetschgenbaum gebunden hätten, dass es der Wind nicht fortnähme. Beim Kirchlein stand nämlich einstens ein Baum mit einem schiefgewachsenen Stamm. Der wurde von seinem Besitzer an die Kirche hinübergebunden, daß er von seinem unerwünschten Vorhaben ablasse.

Ist es auch ein bescheidenes Gotteshaus, so ist es doch ein eigenes, doppelt ehrwürdig durch sein Alter und seine merkwürdige Geschichte.